Großer Pflichtteil & kleiner Pflichtteil: die Unterschiede
Großer Pflichtteil & kleiner Pflichtteil: die Unterschiede
Anja Ciechowski
Beitrag von Anja Ciechowski
Redakteurin für Rechtsthemen
Aktualisiert am

... Pflichtteil Großer & kleiner Pflichtteil

Existiert kein Testament oder Erbvertrag, der die Erfolge regelt, so greift die gesetzliche Erbfolge und bestimmt gemäß des Verwandtschaftsgrades, wer erbberechtigt ist und wer nicht. Erben mit Anspruch auf einen gesetzlichen Erbteil können darüber hinaus weitere Pflichtteilsansprüche haben – vor allem, wenn das tatsächliche Erbe geringer als der Pflichtteil ausfällt. Was kleiner und großer Pflichtteil sind und wer einen Anspruch geltend machen kann, erfahren Sie im nachfolgenden Beitrag.

Inhalt
  1. Schnell-Check: Was jetzt wichtig ist
  2. 1. Warum gibt es „großen“ und „kleinen“ Pflichtteil?
  3. 2. Der große Pflichtteil
  4. 3. Der kleine Pflichtteil
  5. 4. Welche Variante ist wirtschaftlich sinnvoller?
  6. 5. Welche Gestaltungsmöglichkeiten gibt es in der Praxis?
  7. 6. Wann eine individuelle Prüfung sinnvoll ist
  8. 7. Mögliche Kosten
  9. 8. Häufige Missverständnisse aufgeklärt
Ersteinschätzung erhalten

Großer Pflichtteil & kleiner Pflichtteil: die Unterschiede

Großer Pflichtteil & kleiner Pflichtteil: die Unterschiede

Existiert kein Testament oder Erbvertrag, der die Erfolge regelt, so greift die gesetzliche Erbfolge und bestimmt gemäß des Verwandtschaftsgrades, wer erbberechtigt ist und wer nicht. Erben mit Anspruch auf einen gesetzlichen Erbteil können darüber hinaus weitere Pflichtteilsansprüche haben – vor allem, wenn das tatsächliche Erbe geringer als der Pflichtteil ausfällt. Was kleiner und großer Pflichtteil sind und wer einen Anspruch geltend machen kann, erfahren Sie im nachfolgenden Beitrag.

Schnell-Check: Was jetzt wichtig ist

Großer Pflichtteil und kleiner Pflichtteil bezeichnen zwei Berechnungswege für die Ansprüche des überlebenden Ehegatten in der Zugewinngemeinschaft – entweder mit pauschalem Zugewinn-Viertel oder mit konkret berechnetem Zugewinnausgleich plus Pflichtteil.

Typischerweise relevant in diesen Fällen:

  • Sie waren mit dem Erblasser verheiratet und lebten im gesetzlichen Güterstand der Zugewinngemeinschaft (kein Ehevertrag mit Gütertrennung/Gütergemeinschaft).
  • Sie wurden enterbt oder nur mit einem kleinen Erbteil bzw. einem Vermächtnis bedacht und fragen sich, ob Sie aufstocken können.
  • Sie müssen entscheiden, ob Annehmen oder Ausschlagen (oder das Ausschlagen eines Vermächtnisses) für Sie wirtschaftlich sinnvoller ist.

Achtung, hier reicht Allgemeinwissen oft nicht:

  • Es gibt einen Ehevertrag (Gütertrennung, Gütergemeinschaft, modifizierte Zugewinngemeinschaft) oder die Zugewinngemeinschaft war beendet.
  • Der Nachlass ist überschuldet, unübersichtlich (Immobilien, Unternehmen, Auslandsvermögen) oder es gibt größere Schenkungen zu Lebzeiten.
  • Es liegt ein internationaler Bezug vor (Wohnsitz/ Vermögen im Ausland) oder die Familienkonstellation ist komplex (z. B. Kinder aus früheren Beziehungen, Patchwork, mehrere Testamente).

Wichtigste Frist: Die Ausschlagung einer Erbschaft ist grundsätzlich nur binnen 6 Wochen möglich. Die Frist beginnt, sobald der Erbe vom Anfall und vom Grund der Berufung Kenntnis hat; bei Testament/Erbvertrag läuft sie nicht vor Bekanntgabe durch das Nachlassgericht. In Auslandsfällen gilt häufig eine 6-Monats-Frist.

Benötigte Informationen/Unterlagen:

  • Testament/Erbvertrag (oder Nachlassgerichtliche Bekanntgabe) und ggf. Eröffnungsprotokoll
  • Nachlassübersicht (Vermögen/Schulden), insbesondere Bankunterlagen, Immobilienwerte, Darlehen
  • Angaben zum Güterstand (Ehevertrag ja/nein) und zum Zugewinn (Anfangs-/Endvermögen beider Ehegatten)
  • Was wurde Ihnen zugewendet: Erbteil, Vermächtnis, Auflagen/Beschränkungen?

Häufigster Fehler: Vorschnell annehmen oder ausschlagen, ohne Nachlasswert und Zugewinn zu kennen – und damit eine Option (oder Frist) zu verlieren.

So ordnen Sie Ihren Fall schnell ein

Beantworten Sie diese Punkte der Reihe nach – danach ist meist klar, ob „groß“, „klein“ oder eine andere Konstellation einschlägig ist:

  1. Sind Sie überhaupt in der richtigen „Schublade“?
    Großer/kleiner Pflichtteil betrifft praktisch nur den überlebenden Ehegatten (nicht Kinder) – und typischerweise nur bei Zugewinngemeinschaft.
  2. Was haben Sie erhalten?
  • Nichts (Enterbung, keine Zuwendung): häufig Ausgangspunkt für die „güterrechtliche Lösung“ (kleiner Pflichtteil + konkreter Zugewinn).
  • Erbteil (aber gering) oder Vermächtnis (aber gering): häufig geht es um Aufstockung bis zur Pflichtteilsquote.
  1. Wer sind die weiteren gesetzlichen Erben?
    Ob Kinder da sind oder nur Erben „zweiter Ordnung“ (Eltern/Geschwister), beeinflusst den gesetzlichen Erbteil des Ehegatten – und damit die Pflichtteilsquote.
  2. Gibt es Faktoren, die eine Einzelfallprüfung nötig machen?
    Ehevertrag, ungeklärter Zugewinn, hoher Schuldenstand, Auslandsbezug, große Schenkungen, unklare Bewertung von Immobilien/Unternehmen.

Fakt vs. Einzelfall: Was ist sicher – und wo kommt es wirklich darauf an?

Sicher ist:

  • Der Pflichtteil ist grundsätzlich eine Geldforderung in Höhe von ½ des gesetzlichen Erbteils.
  • In der Zugewinngemeinschaft kann der gesetzliche Erbteil des Ehegatten pauschal um ¼ erhöht werden (erbrechtliche Lösung) – oder es wird ein konkreter Zugewinnausgleich nach güterrechtlichen Regeln geltend gemacht (güterrechtliche Lösung).
  • „Groß“ und „klein“ sind Begriffe aus der Praxis, die diese beiden Rechenwege verständlich unterscheiden.

Kommt auf den Einzelfall an:

  • Welche Variante wirtschaftlich besser ist, hängt vor allem an Nachlasswert, Zugewinn (Anfangs-/Endvermögen), Schulden und der Frage, ob Ihnen ein Vermächtnis oder ein kleiner Erbteil zugewendet wurde.
  • Ob und wie Sie ein Vermächtnis behalten können, obwohl es unter der Pflichtteilsquote liegt (Stichwort: „Restanspruch“), hängt von der konkreten Zuwendung und den Umständen (z. B. Beschränkungen/Belastungen) ab.

1. Warum gibt es „großen“ und „kleinen“ Pflichtteil?

Ehegatten haben im deutschen Erbrecht eine Sonderstellung, wenn sie im gesetzlichen Güterstand der Zugewinngemeinschaft gelebt haben: Der Vermögensausgleich zwischen Ehegatten (Zugewinn) und die erbrechtlichen Ansprüche greifen ineinander.

Vereinfacht gibt es zwei Wege, wie der Zugewinn im Todesfall berücksichtigt wird:

  • Erbrechtliche Lösung: Der gesetzliche Erbteil des Ehegatten wird pauschal um ¼ erhöht.
  • Güterrechtliche Lösung: Der Zugewinn wird konkret berechnet; daneben bleibt (je nach Konstellation) der Pflichtteil als Geldanspruch.

Die Begriffe großer Pflichtteil und kleiner Pflichtteil knüpfen genau daran an: Sie beschreiben, ob die Pflichtteilsquote mit pauschalem Viertel gerechnet wird (groß) oder ohne pauschales Viertel, dafür mit konkretem Zugewinnausgleich (klein).

2. Der große Pflichtteil

Was bedeutet „großer Pflichtteil“?

Der große Pflichtteil ist der Pflichtteil des überlebenden Ehegatten, der auf Basis des um ¼ erhöhten gesetzlichen Erbteils berechnet wird (pauschaler Zugewinn-Ansatz). Er spielt vor allem eine Rolle, wenn Sie als Ehegatte

  • nicht „ausreichend“ bedacht wurden (z. B. geringer Erbteil oder geringes Vermächtnis) und
  • bis zur Pflichtteilsquote aufstocken wollen.

Praktisch geht es dann häufig um einen Zusatz-/Restanspruch: Sie haben etwas bekommen, aber weniger als Ihnen nach Pflichtteil zusteht – und verlangen die Differenz als Geld.

Voraussetzungen, die Sie prüfen sollten

Typisch sind diese Punkte:

  • Sie waren Ehegatte des Erblassers und lebten im Güterstand der Zugewinngemeinschaft.
  • Die Zugewinngemeinschaft war nicht durch Scheidung oder wirksamen Güterstandswechsel beendet.
  • Sie haben einen Erbteil oder ein Vermächtnis erhalten, dessen Wert unter Ihrer Pflichtteilsquote liegt (oder Ihr Erbteil ist geringer als die Pflichtteilsquote).

Rechenbeispiele

Beispiel A: Zugewinngemeinschaft ohne Kinder, Erben zweiter Ordnung
Nachlass: 100.000 € – Vermächtnis an Ehefrau: 15.000 €

  • Gesetzlicher Erbteil des Ehegatten neben Erben zweiter Ordnung: ½
  • Pauschales Zugewinn-Viertel: + ¼ → gesetzlicher Erbteil rechnerisch ¾
  • Pflichtteil = ½ davon → 3/8 des Nachlasses = 37.500 €
    Von diesem Betrag wird angerechnet, was bereits zugewendet wurde (hier: 15.000 €).

Beispiel B: Zugewinngemeinschaft mit zwei Kindern
Nachlass: 100.000 € – Vermächtnis an Ehefrau: 15.000 €

  • Gesetzlicher Erbteil neben Kindern: ¼
  • Pauschales Zugewinn-Viertel: + ¼ → gesetzlicher Erbteil rechnerisch ½
  • Pflichtteil = ½ davon → ¼ des Nachlasses = 25.000 €
    Auch hier wird angerechnet, was bereits zugewendet wurde.

3. Der kleine Pflichtteil

Was bedeutet „kleiner Pflichtteil“?

Der kleine Pflichtteil ist der Pflichtteil, der aus dem nicht erhöhten gesetzlichen Erbteil berechnet wird – also ohne das pauschale Zugewinn-Viertel. Dafür kommt zusätzlich ein konkret berechneter Zugewinnausgleich in Betracht (güterrechtliche Lösung).

Wichtig: Diese Konstellation setzt in der Praxis häufig voraus, dass der überlebende Ehegatte nicht Erbe ist – und typischerweise keine Zuwendung als Vermächtnis erhält (oder eine Zuwendung nicht behalten will), weil sonst andere Regeln zur Anrechnung/ Wahl zwischen Vermächtnis und Pflichtteil eingreifen können.

Voraussetzungen, die Sie prüfen sollten

Typisch sind diese Punkte:

  • Sie waren Ehegatte des Erblassers und lebten im Güterstand der Zugewinngemeinschaft.
  • Sie sind nicht Erbe (z. B. Enterbung) oder Sie haben eine Erbschaft ausgeschlagen.
  • Zusätzlich kommt ein konkreter Zugewinnausgleich nach den güterrechtlichen Regeln in Betracht (auf Basis von Anfangs- und Endvermögen beider Ehegatten).

Hinweis zur Reihenfolge: Ein konkret berechneter Zugewinnausgleich wirkt wirtschaftlich wie eine Nachlassverbindlichkeit. Für eine saubere Rechnung muss man daher klären, wie sich der Zugewinn auf den maßgeblichen Nachlasswert auswirkt.

Rechenbeispiele

Beispiel A: Zugewinngemeinschaft ohne Kinder, Enterbung
Nachlass: 100.000 € (vereinfachend, ohne Bewertungsthemen)

  • Gesetzlicher Erbteil neben Erben zweiter Ordnung: ½
  • Kleiner Pflichtteil = ½ davon → ¼ des Nachlasses = 25.000 €
    Dazu kommt zusätzlich der konkret berechnete Zugewinnausgleich.

Beispiel B: Zugewinngemeinschaft mit zwei Kindern, Enterbung
Nachlass: 100.000 €

  • Gesetzlicher Erbteil neben Kindern: ¼
  • Kleiner Pflichtteil = ½ davon → des Nachlasses = 12.500 €
    Dazu kommt zusätzlich der konkret berechnete Zugewinnausgleich.

Merksatz: „Klein“ heißt nicht automatisch „weniger Geld“ – wenn der konkrete Zugewinnausgleich hoch ist, kann die güterrechtliche Lösung insgesamt günstiger sein.

4. Welche Variante ist wirtschaftlich sinnvoller?

Eine Daumenregel hilft selten – entscheidend sind die Stellschrauben Ihres Falls. Besonders relevant sind:

  • Zugewinn-Höhe: Gab es in der Ehe einen deutlichen Vermögenszuwachs bei einem Ehegatten? (Dann kann der konkrete Zugewinnausgleich erheblich sein.)
  • Nachlasswert und Schulden: Ist der Nachlass sicher bewertbar? Gibt es Risiken (Schulden, Unternehmenswerte, Immobilienbewertungen)?
  • Art der Zuwendung: Erbteil oder Vermächtnis – und ggf. mit Auflagen/Beschränkungen? Das beeinflusst, ob ein Restanspruch und/oder eine Entscheidung zwischen Optionen sinnvoll ist.
  • Familienkonstellation: Kinder oder keine Kinder, Erben zweiter Ordnung, besondere Konstellationen (z. B. Patchwork).

Praktischer Ablauf für die erste Einordnung

  1. Gesetzlichen Erbteil ermitteln (nach Familienkonstellation).
  2. Prüfen: Zugewinngemeinschaft ja/nein – und ob ein pauschales Viertel überhaupt greift.
  3. Gegenüberstellen:
    • Pflichtteil „mit Viertel“ (groß) minus erhaltene Zuwendung
    • Pflichtteil „ohne Viertel“ (klein) plus möglicher konkreter Zugewinnausgleich
  4. Erst danach ist eine belastbare Entscheidung möglich – insbesondere, wenn eine Ausschlagung im Raum steht.

5. Welche Gestaltungsmöglichkeiten gibt es in der Praxis?

Je nachdem, was Ihnen zugewendet wurde, kommen typische Wege in Betracht:

  1. Erbteil oder Vermächtnis annehmen und bis zur Pflichtteilsquote aufstocken
    Wenn Sie als Pflichtteilsberechtigter etwas erhalten haben, das unter Ihrer Pflichtteilsquote liegt, kann ein Restanspruch auf Geld in Betracht kommen (Differenz zwischen Zuwendung und Pflichtteil).
  2. Ausschlagen (wenn nötig) – aber erst nach Prüfung von Nachlass und Zugewinn
    Eine Ausschlagung kann sinnvoll sein, wenn der Nachlass überschuldet ist oder wenn die güterrechtliche Lösung (kleiner Pflichtteil + konkreter Zugewinn) voraussichtlich deutlich günstiger ist. Wegen der kurzen Frist sollte diese Entscheidung nicht „aus dem Bauch“ fallen.
  3. Vermächtnis und Pflichtteil sauber gegeneinander abgrenzen
    Ein Vermächtnis kann die Pflichtteilsrechnung beeinflussen (Wahl-/Anrechnungslogik). Hier lohnt sich häufig eine Einzelfallprüfung, weil Beschränkungen/Belastungen und Werte eine große Rolle spielen.

6. Wann eine individuelle Prüfung sinnvoll ist

Als Ehepartner und Erbe mit Anspruch auf einen gesetzlichen Erbteil könnten Sie auch einen Anspruch auf einen großen bzw. kleinen Pflichtteil haben. Die Berechnung beider kann jedoch kompliziert sein.

Eine individuelle Prüfung ist besonders sinnvoll, wenn

  • die Ausschlagung erwogen wird,
  • der Zugewinn voraussichtlich entscheidend ist (deutliche Vermögensverschiebungen in der Ehe),
  • der Nachlass unübersichtlich oder streitig ist (Immobilien/Unternehmen/Schulden),
  • Sie ein Vermächtnis mit Bedingungen/Beschränkungen erhalten haben,
  • ein Ehevertrag oder Auslandsbezug im Spiel ist.

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3 Beispiel-Fälle zur Orientierung

Fall 1: Enterbung ohne Vermächtnis – Zugewinn unklar
Ausgangslage: Ehegattin lebt in Zugewinngemeinschaft, wird im Testament enterbt, erhält nichts. Nachlass: Immobilie + Bankguthaben, Werte noch unklar.
Vorgehen: Gesetzlichen Erbteil bestimmen, Pflichtteil „klein“ berechnen, parallel Zugewinn (Anfangs-/Endvermögen) ermitteln.
Ergebnis: Kleiner Pflichtteil steht als Geldanspruch im Raum; ob zusätzlich ein hoher Zugewinnausgleich realistisch ist, hängt von Vermögensentwicklung und Bewertung ab.
Learning: Ohne Anfangs-/Endvermögen ist die „klein vs. groß“-Frage oft nicht entscheidbar.

Fall 2: Vermächtnis unter Pflichtteil – Aufstockung prüfen
Ausgangslage: Ehegatte in Zugewinngemeinschaft, Vermächtnis 15.000 €, zwei Kinder, Nachlass 100.000 €.
Vorgehen: Pflichtteil mit pauschalem Viertel (groß) ermitteln und Zuwendung anrechnen; prüfen, ob ein Geld-Restanspruch bis 25.000 € in Betracht kommt.
Ergebnis: Eine Aufstockung bis zur Pflichtteilsquote ist naheliegend – die konkrete Anspruchshöhe hängt von Bewertung/Anrechnung ab.
Learning: Ein „kleines“ Vermächtnis kann trotzdem ein Pflichtteilsthema auslösen.

Fall 3: Nachlass möglicherweise überschuldet – Ausschlagung steht im Raum
Ausgangslage: Überlebende Ehefrau ist als Erbin eingesetzt, vermutet aber hohe Schulden.
Vorgehen: Schnell Nachlassindizien sammeln (Kreditunterlagen, Mahnungen, Grundbuch, Kontoauszüge), dann Entscheidung über Ausschlagung innerhalb der Frist vorbereiten.
Ergebnis: Bei Überschuldung kann Ausschlagung sinnvoll sein; Ansprüche (Pflichtteil/Zugewinn) müssen danach sauber geprüft werden.
Learning: Die wirtschaftlich „richtige“ Lösung scheitert oft an fehlender Zeit – Fristenmanagement ist zentral.

7. Mögliche Kosten

Bei Pflichtteil/Zugewinn entstehen Kosten oft nicht „auf einen Schlag“, sondern in Bausteinen – abhängig davon, wie streitig der Fall ist:

  • Bewertungskosten: Gutachten/Schätzungen (z. B. Immobilien), ggf. Sachverständige
  • Durchsetzungskosten: Anwaltliche Beratung/Vertretung (nach RVG oder Honorarvereinbarung), ggf. Gerichtskosten bei Klage
  • Formkosten: Eine Ausschlagung muss formwirksam erklärt werden (Nachlassgericht/Notar) – das ist regelmäßig gebührenpflichtig
  • Risikokosten: Falsche oder verspätete Entscheidungen können dazu führen, dass Ansprüche schlechter durchsetzbar sind oder Haftungsrisiken aus einer angenommenen Erbschaft entstehen

Gerade wenn eine Ausschlagung im Raum steht oder die Vermögenswerte schwer zu bewerten sind, ist die Kostenfrage eng mit der Risikofrage verbunden.

8. Häufige Missverständnisse aufgeklärt

Richtig ist: Der kleine Pflichtteil kann zusammen mit einem hohen konkreten Zugewinnausgleich insgesamt mehr ergeben als der große Pflichtteil.

Was ist zu prüfen: Vermögensentwicklung während der Ehe (Anfangs-/Endvermögen), Nachlasswert, Schulden.

Richtig ist: Ein Vermächtnis kann unter der Pflichtteilsquote liegen; dann kann eine Aufstockung als Geldanspruch in Betracht kommen.

Was ist zu prüfen: Wert des Vermächtnisses (realistisch bewertet), Pflichtteilsquote, Anrechnung/Belastungen.

Richtig ist: Die Ausschlagungsfrist ist kurz. Nach Ablauf gilt die Erbschaft regelmäßig als angenommen – dann sind Optionen eingeschränkt.

Was ist zu prüfen: Fristbeginn (Kenntnis/gerichtliche Bekanntgabe), Nachlassindizien, wirtschaftliche Risiken.

Richtig ist: In der Praxis hängen die Rechenwege davon ab, was Sie erhalten (Erbteil/Vermächtnis/nichts) und welche gesetzlichen Voraussetzungen im Detail erfüllt sind.

Was ist zu prüfen: Zuwendungstyp, Güterstand, Enterbung/Ausschlagung, Wechselwirkungen mit Zugewinn.

Richtig ist: Bewertung (Immobilien, Unternehmen), Schenkungen, Schulden und Zugewinn können das Ergebnis massiv verschieben.

Was ist zu prüfen: Vollständige Nachlassaufstellung, Wertermittlungen, ggf. Auskunftsansprüche.

Transparenz-Hinweis

Dieser Beitrag informiert über die Rechtslage in Deutschland (Stand: 27.03.2026). Er ersetzt keine individuelle Rechtsberatung.

Quellen

  • § 1931 BGB (gesetzliches Erbrecht des Ehegatten)
  • § 1371 BGB (Zugewinnausgleich im Todesfall)
  • §§ 2305, 2307 BGB (Zusatz-/Restanspruch bei zu geringer Zuwendung; Vermächtnis und Pflichtteil)
  • § 1944 BGB (Ausschlagungsfrist)

Letzte Aktualisierung

27.03.2026

  • Direkt am Anfang steht jetzt, wann das Thema für Sie überhaupt relevant ist und was Sie zuerst prüfen sollten.
  • Es ist klar getrennt, was fast immer gilt – und wo es ohne Ihren konkreten Nachlass/Zugewinn nicht seriös beantwortbar ist.
  • Sie bekommen eine Frist-Orientierung, eine Unterlagenliste und typische Stolperfallen, damit Sie keine Option „aus Versehen“ verlieren.
  • Statt Theorie gibt es kurze Beispiel-Fälle und typische Irrtümer, die in der Praxis häufig passieren.
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